Das große United-Interview mit Teammanager Udo Schulz

Geschrieben von Justus Wolters
Teammanager Udo Schulz spricht über die Erfolgschancen der Nationalteams bei der EM, Hannover United in fünf Jahren und strukturelle Probleme der RBBL.
   
Was sind die Gründe für den Erfolg von Hannover United?
Ein wesentlicher Grund ist der paralympische Trainingsstützpunkt für Rollstuhlbaskteball in Hannover, womit optimale Rahmenbedingungen für unsere Sportler*innen geschaffen werden. Sehr wichtig ist dabei das Lotto-Sport-Internat, welches den Sportler*innen die Möglichkeit gibt vor der Schule oder vor der Fahrt zur Uni schon eine erste sportliche Einheit einzulegen. Dabei haben sie die Möglichkeit des Krafttrainings und eine sehr gute sportmedizinische Betreuung in unmittelbarer Nähe und die athletische Trainingsbetreuung durch Uwe Rosner. Dazu bekommen sie Unterstützung im Bereich der Schule. Und ganz wichtig ist  die hervorragende Zusammenarbeit mit dem Behinderten-Sportverband Niedersachsen. Martin Kluck ist als Landestrainer und Coach von Hannover United sowohl beim BSN als auch bei United mit unglaublichem Engagement dabei – ein Glücksgriff!

Seit wann läuft diese positive Entwicklung des Rollstuhlbasketballsports in Hannover?
Vor rund 10 Jahren hat dieser Weg mit Harald Fürup als damaligen Landestrainer begonnen. Martin Kluck ist jetzt im 6. Jahr Trainer und mit dem Zuzug der Spieler*innen ist der Entwicklungsprozess nochmal deutlich intensiver geworden.

Was für eine Strategie verfolgt United, um Spieler*innen mit Perspektive zu gewinnen?
Wir versuchen die optimalen Trainings- und Lebensbedingungen für die jungen Sportler*innen zu schaffen. Das funktioniert insbesondere mit dem Angebot des Internats in Verbindung mit den Rahmengegebenheiten und der Betreuung durch unseren Trainer Martin. Mit Alex Budde, Andrea Seyrl, Oliver Jantz, Max Winter und Phillip Schorp sind schon einige hervorragende Perspektiv-Spieler nach Niedersachsen gekommen.

 

In den letzten Jahren galt Hannover United als Fahrstuhlmannschaft. Auf Aufstieg folgte Abstieg zwischen der 1. und 2. Bundesliga. Was ist dieses Jahr anders, damit das nicht passiert?
Zunächst mal hatten wir in den letzten Jahren eine außerordentlich junge Mannschaft, da hat in den entscheidenden Momenten ein Funken Erfahrung gefehlt. Das Team hat sich aber in den Jahren deutlich weiter entwickelt. Wir konnten Ausfälle von wichtigen Spieler*innen, wie von Phillip Schorp in der letzten Abstiegssaison, nicht einfach kompensieren. Anders ist jetzt auch, dass wir im Grund die Ressourcen haben, um Profis zu verpflichten.

Was ist für Hannover United in der nächsten Saison das Ziel?
Ganz wichtig ist zuerst der Klassenerhalt. Außerdem wollen wir den Stempel der „Fahrstuhlmannschaft“ abschütteln.

 Wo siehst du United in fünf Jahren?
Puuuh, eine sehr schwer zu beantwortende Frage. Ich bin fest davon überzeugt, wenn wir es schaffen, die Wirtschaft noch stärker zu mobilisieren, also die wirtschaftliche Basis für professionellen Rollstuhlbasketball schaffen, können wir unter die Top 4 in Deutschland kommen. Die Grundlage dafür ist natürlich, dass wir das Team zusammenhalten, die Spieler*innen sich weiterentwickeln und wir uns weiter verstärken. Dabei wollen wir nicht unbedingt Profis, die für ein Jahr kommen und dann wieder gehen, sondern wir wollen mittel- bis langfristig mit diesen zusammenarbeiten.
Ich bin der Meinung, dass Rollstuhlbasketball in Hannover deutliches Potential hat. Im wirtschaftlichen und im Zuschauerbereich bin ich mir sicher, dass in den nächsten Jahren da ein Wachstum zu erkennen sein wird. Ebenso sollen die Medien in Hannover begeistert werden, denn da gibt es noch das größte Entwicklungspotential, was die kontinuierliche Berichterstattung angeht.

Was fasziniert dich eigentlich so sehr am Rollstuhlbasketball?
Power und Dynamik – und das fast ohne Pause. Permanent Druck, permanent Aktion. Auch Fairplay, wie die Sportlerinnen und Sportler miteinander umgehen. Für mich ist Rollstuhlbasketball unheimlich attraktiv anzuschauen.

Was war dein emotionalster Moment mit United?
Das war schon der Aufstieg in Rhaden vor über zwei Jahren. Es war das letzte Saisonspiel. Es gab die klare Situation: Wer gewinnt, steigt auf. Wir hatten das Hinspiel gegen Rahden verloren, mussten also vom Kopf her, das Spiel richtig angehen. Wir haben gewonnen und es war einfach ein sehr besonderes Spiel.

Was bedeutet für dich der internationale Erfolg der Youngsters?
Es freut mich sehr für die jungen Burschen Oliver Jantz, Alex Budde und auch Max Winter, der in den nächsten Jahren seine Chance aufs internationale Parkett bekommen wird, dass sie die Erfahrungen im Nationalmannschafts-Dress machen dürfen.
Insbesondere bei Alex war die Nominierung für die U23-WM eine große Überraschung für uns. In der vergangenen Saison hat er eine sehr positive sportliche Entwicklung in Hannover genommen. Seine vorbildliche Einstellung, sich ständig verbessern zu wollen, rechtfertigt die Nominierung aber einfach. Die Erfahrung bei so einem großen internationalen Turnier in Übersee dabei gewesen zu sein, wird ihm keiner mehr nehmen können.
Auch bei Andrea war die EM-Nominierung eine sehr positive Überraschung. Es ist immer wieder schön zu sehen, wenn der Aufwand, den jemand betreibt, auch belohnt wird. Es ist die Bestätigung für ihre hervorragenden Spiele in der vergangenen Saison.
Und neben den Youngsters sind da ja auch noch Linda Dahle, Phillip Schorp und Jan Sadler, die bei der Europameisterschaft mit dabei sind. Hannover United stellt also neben Lahn-Dill in diesem Jahr die meisten Spieler*innen für die Deutschen Nationalmannschaften bei der EM ab.

Auf welchem Platz werden deiner Meinung nach die Frauen bei der EM landen?
Topfavorit sind sicherlich die Niederlande, aber das dachte man auch schon vor zwei Jahren, als sie im Finale gegen das deutsche Team verloren haben. Unsere deutsche Mannschaft ist im Umbruch, viele Stützen mit viel Erfahrung sind nicht mehr dabei. Die Finalteilnahme wäre ein Riesen-Erfolg, Halbfinale ist aber Pflicht.

Und wo geht es bei der EM für die Männer hin?
Auch bei den Männern sind fünf, sechs Stammkräfte dieses Jahr  aus unterschiedlichen Gründen nicht dabei. Die hinterlassenen Lücken haben unseren Männern die Chance gegeben, diese zu füllen. Die deutsche Mannschaft ist dieses Jahr sehr jung, aufgrund der Ausfälle. Die Leistungsdichte der gegnerischen Teams ist dagegen extrem hoch. Mit Großbritannien, Türkei und Spanien sind zum Beispiel hervorragende Teams. Ich kann mir trotzdem gut vorstellen, dass sie eine Medaille gewinnen können. Das Erreichen des Halbfinales wäre schon ein großer Erfolg.
Was wir merken: Die Zeit in den Nationalmannschaften bringt die Spieler*innen unheimlich weiter, aber sie brauchen nach den Turnieren auch die Zeit zum Regenerieren.

Derzeit ist eine neue Diskussion um strukturelle Probleme in der RBBL entfacht, wie stehst du dazu?
Ich kann die Diskussion gut nachvollziehen. Der neueste Rückzug aus der 1. BL zeigt ein sich wiederholendes Bild, was in den letzten drei Jahren immer wieder genauso aufgetaucht ist. Der fehlende finanzielle Background führt zu einem Hin und Her, was sehr anstrengend und nervig ist. Mit dem Rückzug des USC München stand jetzt wieder lange Zeit nicht fest, ob wir mit neun oder zehn Teams die Saison spielen. Jetzt sind die Baskets Rahden nachgerückt, was mich sehr freut, auch weil wir dadurch ein tolles Derby erleben werden.
Für die Zukunft ist es enorm wichtig, dass die Vereine der RBBL verlässlich und wirtschaftlich vernünftig arbeiten und sich gemeinsam für den faszinierenden Rollstuhlbasketball engagieren. Wir brauchen klare Strukturen und in der Außendarstellung ein einheitliches und professionelles Bild.